Versos German Ludwig Fulda Aladdin und die Wunderlampe — 4 (Einmal geht alles auf die…)

German poem

Aladdin und die Wunderlampe — 4 (Einmal geht alles auf die…)

by (1862–1939)

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Einmal geht alles auf die Neige, Hält man damit auch sparsam Haus, Und daß der Hunger dauernd schweige, Bewirkt kein noch so fetter Schmaus. Die Schüsseln wurden also leer, Und Aladdin, dem unterm Gurte Bereits der Magen wieder knurrte, Nahm von den zwölfen eine her Und trug in seines Mantels Falten Sie heimlich, um sie feilzuhalten, Zum Trödler in der nächsten Gasse; Doch als der höchst verschmitzte Greis Die Frage tat, um welchen Preis Er ihm die Schüssel überlasse, Gestand ihm Aladdin gar ehrlich, Wieviel sie wert sei, wiss' er nicht. Der alte Gauner, der begehrlich Geprüft ihr stattliches Gewicht Und merkte, daß der junge Fant Von seinem Schatze nichts verstand, Gab ihm, damit nicht vorm Verkauf Er etwas noch davon erfahre, Geschwind ein Goldstück für die Ware. Mit diesem flog in muntrem Lauf, Des Vorteils froh, der ihm erwuchs, Der Bursch zum Bäcker und zum Schlächter, Dieweil ihm jener schlaue Fuchs Nachsah mit leisem Hohngelächter.

In solcher Art allmählich ließ Elf Schüsseln, eine nach der andern, Wenn ihn die Not von neuem stieß, Nichtsahnend er zum Trödler wandern. Nun kam ihm bei dem nächsten Fall Zu Sinn, die Platte loszuschlagen; Nur konnt' er die nicht selber tragen; War viel zu schwer doch ihr Metall. So bat er, weil er noch nicht klüger Geworden, jenen Schelm ins Haus, Und schleunig zahlte der Betrüger Goldstücker zehn dafür ihm aus.

Die zwölfte Schüssel blieb zurück. Nachdem das schöne Geld zerflossen, Wollt' er zum Trödler kurz entschlossen Verschleppen auch dies letzte Stück. Doch mitten auf dem Wege trat Ein Goldschmied freundlich ihm entgegen Und sagte: "Nicht der Neugier wegen Frag' ich, warum den gleichen Pfad Ich oft, mein Sohn, dich wandeln sehe. Hier wohnt ein Trödler in der Nähe; Hast du mit dem dich eingelassen, Dann sei gewarnt und sieh dich vor; Denn jeden haut er übers Ohr. Ich will mich gern damit befassen, Zu schätzen, was dir etwa feil, Und nimmer würdest du betrogen."

Der Bursche hatte mittlerweil Die Schüssel aus dem Kleid gezogen. Die sah der Goldschmied ohne Worte Von allen Seiten lang sich an Mit Kennerblick und fragte dann, Ob er schon andre dieser Sorte Veräußert hab' und für wieviel. "Ein Goldstück hat er mir gegeben," Sprach Aladdin. "Bei meinem Leben, Der Spitzbub kennt nicht Maß noch Ziel," Versetzte jener voll Empörung. "Mein Sohn, du warst nicht auf der Hut Und hast in gründlicher Betörung Verschleudert ein beträchtlich Gut. Für solche Schüssel sondergleichen Ein Goldstück! O der Ungebühr! Denn achtundsechzig will dafür Ich auf dem Fleck dir überreichen."

Von diesem Tag an war das Darben Für Sohn und Mutter abgestellt, Und übermalt mit Rosenfarben Schien die zuvor so graue Welt. Wenn ihre Barschaft nicht mehr langte, Ließ Aladdin der Lampe Geist, Ob auch der Mutter vor ihm bangte, Erscheinen und gebot ihm dreist, Ein neues Frühstück anzurichten; Pünktlich vollzog der seine Pflichten. Die Silberschüsseln und die Platten Bracht' er hierauf, so oft es Zeit war, Zum Goldschmied hin, der stets bereit war, Den vollen Preis ihm zu erstatten. Fortan drum ward es ihnen leicht, Bequem zu leben und behaglich; Doch weil es leider niemals fraglich, Daß Mißgunst hinterm Glücke schleicht Und man sich hüten muß vor Neidern, Vermieden sie trotz gutem Trunk Und gutem Essen jeden Prunk In ihrem Haus und ihren Kleidern Und hielten hinter sich'rem Schloß Dadurch geheim den goldnen Bronnen, Der ihnen unversiegbar floß.

Vier Jahre waren so verronnen. Zu einem schmucken jungen Manne War Aladdin herangereist, Gerad und schlank wie eine Tanne. Ein winzig Bärtchen, zart geschweift, Sproß über seinem Lippenrand, Und niemand hätte mehr den Lümmel, Der einst in müßigem Getümmel Die Zeit vertan, in ihm erkannt. Sein Blick war jetzt nicht mehr getrübt Von Trägheit, seine Geisteskräfte Durch ernsten Umgang eingeübt Auf die verschiedensten Geschäfte. Der Menschen Treiben insgesamt, Ihr Wirken, Trachten, Fürchten, Hoffen In jedem Handwerk, jedem Amt Lag wie ein Buch nun vor ihm offen. Er hatte viel Verkehr gepflegt In Wechselstuben, Kaufmannsläden Und sich in seinem Tun und Reden Ein vornehm Wesen zugelegt. Jetzt ward ihm auch von selber kund, Was einst er nicht gewagt zu träumen: Daß all die Früchte feurig bunt Von jenes Zaubergartens Bäumen Kein farbig Glas, wie er gedacht, Vielmehr die köstlichsten Juwelen. Er nahm sich aber wohl in acht, Aus Furcht, man könnt' ihn drum bestehlen, Es irgend jemand zu erzählen. Der Mutter selbst verschwieg er's streng.

Durchwandelnd eines Tags die Straßen, Vernahm er ungewohntermaßen Ein laut Bumbum und Schnettretteng. Zum Schall von Pauken und Trompeten Rief öffentlich ein Herold aus, Man möge schließen jedes Haus Und nicht die Straße mehr betreten. Prinzessin Bedrulbudur nämlich, Des Sultans Tochter, wolle heute Zum Bade gehn, und zwar bequemlich Gesichert vorm Gegaff der Leute.

Weil Neugier doppelt heftig loht, Wenn ihr begegnet ein Verbot, Ward alsogleich durch dies Verfahren In Aladdin der Wunsch erweckt, Die Sultanstochter unbedeckt Von ihrem Schleier zu gewahren. Er schlich deshalb auf leichten Sohlen Zur Tür des Bades katzenhaft Und kauerte sodann verstohlen Sich hinter einer Säule Schaft. Er hatte noch nicht lang geharrt, Als schon mit einem großen Staate Von Frauen die Prinzessin nahte. Sie nahm, von seiner Gegenwart Nichts merkend, gänzlich unbefangen Im Vorraum ihren Schleier ab, Und Aladdin, drei Schritte knapp Entfernt, vermochte nach Verlangen Ihr Antlitz hüllenlos zu schaun. War auch—die Mutter ausgenommen— Bisher von unvermummten Frau'n Ihm keine zu Gesicht gekommen, So ward mit einem Schlag ihm klar, Daß diese hier die schönste war.

Herab in reicher Lockenflut Floß ihr kastanienbraunes Haar Auf ihrer Augen dunkle Glut Ihr Blick war sittsam und voll Güte, Die Wangen sanft gerundet, weich Und rosenrot wie Pfirsichblüte, Die Lippen zwei Korallen gleich. Ihr Wuchs und Gang war ohne Tadel, Und ihre liebliche Gestalt Verriet in Reizen tausendfalt Holdseligkeit vereint mit Adel. Kein Wunder drum, daß Aladdin, Nachdem die Herrliche verschwunden, Noch immerdar wie festgebunden Und wie verzaubert sich erschien.

Obwohl erstarrt zu Stein und Erz Er sich zu rühren nicht vermochte, Konnt' er empfinden, wie sein Herz In seiner Brust vernehmlich pochte. Sogar als er zuletzt gewaltsam Sich loszureißen war gewillt, Verfolgte dennoch unaufhaltsam Ihn auf dem Weg nach Haus ihr Bild.

Der Mutter war's ein leichtes Ding, Sein ganz und gar verändert Wesen Gleich von der Stirn ihm abzulesen. Sie wunderte sich drob und fing Ihn auszuforschen an, warum Er so zerstreut, verstört und stumm; Ob ihm vielleicht zu Kopf gestiegen Ein Streit? Ein Ärger? Ein Verdruß? Doch er, wie eine harte Nuß, Blieb unzugänglich und verschwiegen. Auch als am Abend auf den Tisch Von ihr ein braungebratner Hase Getragen ward und in die Nase Der Duft ihm drang verführerisch, Schob er, der immer seinen Mann Gestanden sonst als guter Esser, Hinweg die Gabel und das Messer Und rührte keinen Bissen an. Da merkte sie, daß an dem Toren Heut jedes Mittel war verloren, Und beide schwiegen um die Wette. Er träumte wachend, seufzte tief Und ging zu guter Letzt zu Bette; Doch fraglich ist es, ob er schlief.