Versos German Ludwig Fulda Aladdin und die Wunderlampe — 2 (Nachdem auf solchen Wanderungen)

German poem

Aladdin und die Wunderlampe — 2 (Nachdem auf solchen Wanderungen)

by (1862–1939)

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Nachdem auf solchen Wanderungen Manch reizend Fleckchen sich dem Jungen Erschlossen, führte sein Begleiter Auf nie zuvor betretnem Pfad Ihn eines Morgens weit und weiter, Aufwärts und abwärts, krumm und grad. Bald war kein menschlich Wesen rings Und auch kein Haus mehr zu entdecken; Doch unaufhaltsam weiter ging's. Schon türmte hinter öden Strecken Sich des Gebirges steile Mauer; Das Tal, von Felsen eingezwängt, Ward allgemach zur Schlucht verengt, Und endlich, von des Marsches Dauer Erschöpft, hätt' Aladdin sich gerne Zur Rückkehr wieder umgewandt; Sein Oheim aber sprach: "Halt' stand! Ist unser Ziel doch nicht mehr ferne. Noch ein paar Schritte durch das Tal— Was ich sodann dir zeigen werde, Das wirst auf der gesamten Erde Du nicht erspähn zum zweitenmal."

So setzten ihren Weg sie fort Und kamen bis zu einem Ort, Den riesenhafte Felsenwälle Allseitig schienen zu verrammeln. Der Oheim rief: "Wir sind zur Stelle!" Er hieß ihn trocknes Reisig sammeln, Schlug Feuer, das bald lustig sprühte, Warf Räucherwerk aus einer Düte Hinein und murmelte dann leise, Sobald sich Qualm und Schwefelduft Verbreiteten in dichtem Kreise, Seltsame Formeln in die Luft.

Da gab's ein Krachen und ein Beben, Als stürzten Erd' und Himmel ein; zutage trat ein Quaderstein Und in der Mitte dran, zum Heben, Ein Ring aus Eisen. Aladdin, Von Angst geschüttelt, wollte fliehn; Der Oheim aber hieb sogleich Ihm einen solchen Backenstreich, Daß ihm der Kopf geriet ins Wackeln, Und sprach: "Mein Sohn, ich bin dir jetzt Als zweiter Vater vorgesetzt; Kein Sträuben duld' ich und kein Fackeln. Gehorch' mir, und du wirst erproben, Wie sehr dir's frommt. An diesem Platz Liegt ein für dich bestimmter Schatz, Der, wenn du glücklich ihn gehoben, Dich reicher macht als alle Reichen Der ganzen Welt. Den Quaderstein Darf niemand außer dir allein Berühren; dir nur wird er weichen."

Und richtig, als nach bangem Säumen Der Bursch am Eisenringe zog, Konnt' er den Stein beiseite räumen, Obwohl er hundert Zentner wog, Und er gewahrte drunter Stufen Nebst einer Tür. "In diesen Schacht zu steigen bist nur du berufen," Begann der Oheim; "drum gib acht Auf alles, was ich nun dafür Zu deinem Schutz dir anempfehle. Geöffnet findest du die Tür; Sie führt in drei gewölbte Säle. In jedem stehn vier große Becken Voll Gold und Silber; doch laß ab, Die Hand nach ihnen auszustrecken. Schürz' auch dein Kleid und gürt' es knapp; Denn streift es irgendwo die Wände, So mußt du deinen Tod erwarten. An jenes dritten Saales Ende Wird auftun sich vor dir ein Garten, Bepflanzt mit Bäumen mannigfalt, Ein jeder voll mit Frucht behangen. Geh' nur gradaus, dann wirst du bald Zu einer Treppe hingelangen; Ersteige sie getrost: sie mündet Auf eine stattliche Terrasse; In einer Nische angezündet Steht eine Lampe dort. Die fasse, Verlösch' sie, gieß' die Flüssigkeit Mitsamt dem Docht heraus, verhülle Sie sorgsam unter deinem Kleid Und bring' sie mir. Wenn dich die Fülle Des Gartens etwa lockt, so pflück' Auf deinem Weg hierher zurück Dir von den Früchten nach Belieben. Und nun, zu deinem eignen Glück Befolg', was ich dir vorgeschrieben." Er steckte noch für jeden Fall Ihm einen Ring an seinen Finger; Der werde sich als Hilfebringer Bewähren stets und überall.

So stieg denn Aladdin hinunter; Die Säle fand er laut Bericht, Berührte deren Wände nicht, Kam in den Garten, eilte munter Hinan die Treppen zur Terrasse, Sah Nisch' und Lampe dort, verfuhr Streng nach Geheiß, damit er nur Vom Auftrag keinen Punkt verpasse, Und kehrte, nun er unterm Kleide Die Lampe sicher hielt verwahrt, Zum Garten um. O Augenweide! Denn Früchte von verschiedner Art Trug leuchtend jeder Baum zur Schau, Teils hell, teils dunkel, weiß und blau, Rot, gelblich, violett und grün, Und allesamt in buntem Scheine Durchsichtig wie von innrem Glühn. Es waren lauter Edelsteine. Da flammten, funkelten und brannten Türkise, Perlen, Diamanten, Smaragd, Rubin, Saphir, Topas Von gänzlich beispiellosem Werte. Doch Aladdin, der unbelehrte, Hielt sie für nur gefärbtes Glas. Er hätte lieber von den Zweigen Sich süße Trauben oder Feigen Gepflückt; als Spielzeug aber war Der bunte Tand ganz annehmbar. Drum nahm er sich von jeder Sorte, So viel er in die Taschen zwang, Schritt die drei Säle sacht entlang Und kam zurück zur Eingangspforte. Den Oheim, der mit allen Zeichen Der Ungeduld hier Wache stand, Bat er, zur Hilf' ihm seine Hand Beim Ausstieg aus dem Schacht zu reichen. Der aber rief in einem groben Befehlerton: "Die Lampe her!" "Du sollst sie haben nach Begehr," Sprach Aladdin, "sobald ich oben." Der Oheim schrie mit steter Steigrung: "Die Lampe!" Doch voll Eigensinn Blieb Aladdin bei seiner Weigrung: "Wart', bitte, bis ich oben bin." Des Oheims Wut ward ungeheuer; Schnell goß er Räucherwerk ins Feuer, Indem er eine Formel schnaubte. Der Quader klappte drauf im Nu Dem Aladdin grad überm Haupte Wie eines Kastens Deckel zu.—

Wer wird aus diesem Oheim klug? Ein Bruder Mustaphas? Behüte! Verwandtschaft, Rührung, Herzensgüte War samt und sonders Lug und Trug. Ein Zaubrer war's, nicht hier geboren, Nein, fern in Afrika daheim, Und hatte diesen Vogelleim Aus gutem Grund sich auserkoren. Nachdem er nämlich festgestellt Durch Hexerei, daß in der Welt Es eine Wunderlampe gebe, Die zu der höchsten Macht erhebe, Ja, Geister fähig sei zu binden, Hatt' er in einem Zauberbuch Nach manch vergeblichem Versuch Den Ort entdeckt, wo sie zu finden, Und so, von Habgier angefacht, Flugs auf die Reise sich gemacht. Doch weil ihm ein Gesetz verwehrte, Selbst in das Schatzgewölb' zu dringen, Deswegen war vor allen Dingen Er einem Werkzeug auf der Fährte, Das ihm dazu geeignet schien. Sein Auge fiel auf Aladdin Als einen unerfahrnen Knaben; Wenn ihm die Lampe der geschafft, Dann durch der Zauberformel Kraft Wollt' er lebendig ihn begraben, Damit er nichts davon verriete.

Und nun? Gescheitert war der Plan, Die jahrelange Müh' vertan! Statt des Gewinnes eine Niete! Vorzeitig hatte ja sein Zorn Auf immerdar den Wunderborn Mitsamt der Lampe zugeriegelt, Und alle seine Kunst und List Hätt' ihn kein zweites Mal entsiegelt. So, mit sich selbst in argem Zwist, Von Grimm gefoltert und von Scham, Vermied er's, länger zu verweilen, Und reiste wieder tausend Meilen Dahin zurück, woher er kam.