German poem
Aladdin und die Wunderlampe — 12 (Nachdem er auf der langen…)
by Ludwig Fulda (1862–1939)
Nachdem er auf der langen Reise Sich und sein Pferd halb tot gehetzt, Sich nur an kurzem Schlaf geletzt, Sich nur genährt mit knapper Speise, Mit kargem Trank erfrischt, gelangte Der Zaubrer in des Sultans Reich, Und bald vor seinen Augen prangte Die Hauptstadt, wo sein Schurkenstreich Ihm damals kläglich war mißlungen. In einem kleinen Gasthaus stieg Er ab, um seinen Rachekrieg Zu fördern durch Erkundigungen.
Das Wichtigste ward ihm natürlich Enthüllt, bevor ein Tag verfloß; Denn alle Welt sprach unwillkürlich Von Aladdin und seinem Schloß. Er ließ zu dem berühmten Bau Von seinem Wirt sich hingeleiten, Und als er ihn von allen Seiten Beschnüffelt hatte ganz genau, Da wußt' er, daß dem Aladdin Zu einem Werk von solcher Größe Nur jene Lampe Kraft verliehn. Er gab sich selber Rippenstöße Vor Ärger, weil dies Meisterstück Ihn völlig erst ermessen lehrte, Was ihm entgangen war, und kehrte Zu seinem Gasthaus dann zurück.
Wo mochte wohl die Lampe stecken? Wenn ihren Aufbewahrungsplatz Er fähig wäre zu entdecken, Dann könnt' er den ersehnten Schatz Von ihm erlisten, Raub um Raub, Und von der angemaßten Zinne Zurück ihn schmettern in den Staub. Er nahm behend wie eine Spinne, Die rastlos webt an ihrem Netze, Das Zauberviereck wieder vor, Und durch die magischen Gesetze, Die mit Gekritzel er beschwor Und knifflicher Berechnungsart, Ward bald unfehlbar ihm verraten: Die Lampe war im Schloß verwahrt.
Der Zufall, der verruchten Taten Oft beisteht, war auch ihm gewogen. Willkommen traf die Nachricht ihn, Daß vor drei Tagen Aladdin Auf eine große Jagd gezogen Und fern sei bis zum Wochenschluß. Er trat in eines Klempners Laden Und sagte: "Freund, es soll dein Schaden Nicht sein, wenn du mir dienst. Ich muß zwölf Lampen haben, nagelneu, Von blankem Kupfer." "Meiner Treu," Erwiderte mit breitem Lachen Der Klempner—denn er war erfreut, Solch glänzendes Geschäft zu machen— "Gleich zwölf? So viele hab' ich heut zwar nicht auf Lager; doch bis morgen Werd' ich die fehlenden besorgen."
Mit einem Korb am Arme kam Der Zaubrer wieder tags darauf, Verpackte drin den ganzen Kram, Gab für den abgeschlossnen Kauf Weit höhern Preis als nach Verpflichtung, Bewegte dann sich in der Richtung Des Schlosses langsam durch die Stadt Und zwang das Volk, dem Ruf zu lauschen: "Hört, hört! Wer alte Lampen hat, Kann hier sie gegen neue tauschen." Die Leute dachten allgemein: "Der Mensch da hat wohl einen Sparren." Die Kinder hielten ihn zum Narren Und liefen gröhlend hinterdrein. Ihn aber konnt' es nicht beirren; Er ließ im Korb die Lampen klirren Und wiederholte hundertmal Aus Leibeskräften sein Gekrähe Bis in des Schlosses nächste Nähe.
In ihrem großen Kuppelsaal Saß Bedrulbudur. Das Gehöhne Der Kinder und die schrillen Töne Des Rufers drangen auch zu ihr, Und einer Sklavin aufzutragen Gebot ihr drum die Wißbegier, Sie mög' hinuntergehn und fragen, Was dieser wüste Lärm bedeute. Die Sklavin ging und lachte hell, Da sie zurückkam: "Der Gesell, Der dort umringt wird von der Meute, Ist ohne Zweifel gänzlich toll. Sein Tragkorb ist von einem Haufen Der schönsten neuen Lampen voll; Er aber will sie nicht verkaufen, Nein, will sie tauschen gegen alte."
Auch der Prinzessin Lachen schallte Nun laut und klang im Echo nach, Bis eine andre Sklavin sprach: "Vergib mir, Herrin; doch ich finde, Da sich's um alte Lampen dreht Und gleich hier neben auf dem Spinde Zufällig eine solche steht, So könnte man, wenn's dir beliebt, Erproben, ob der Kerl tatsächlich Für diese da, die schon gebrechlich, Uns eine nagelneue gibt."
Dem stimmte die Prinzessin zu.— Klang dir im Innern keine Warnung, O Bedrulbudur? Ahntest du Nicht schmählichen Betrugs Umgarnung? Die Wunderlampe war's, die dort Unscheinbar stand seit ein paar Tagen, Weil Aladdin, der immerfort Sie sonst mit sich herumgetragen, Aus Furcht, sie könn' in Wald und Feld Verloren gehn, nicht auf die Jagd Sie mitgenommen. Wer nun fragt, Warum aufs Spind er sie gestellt, Anstatt sie sorgsam einzuschließen, Den darf die Antwort nicht verdrießen, Daß hin und wieder ein Versehn Wohl jedem unterläuft im Leben, Und daß die Allerklügsten eben Die dümmsten Fehler oft begehn. Die Sklavin nahm die Lampe, trug Zum Zaubrer hurtig sie hinunter, Hielt ihm sie hin und sagte munter: "Wenn diese da dir alt genug, Gib eine neue mir zum Tausche." Zugreifend voll Begier verschlang Er mit den Augen seinen Fang In schlecht verhehltem Freudenrausche; Dann ließ er unters Kleid ihn wandern. Den Korb jedoch mit den zwölf andern Wies er der Sklavin vor zur Wahl. Sie wählte lachend, und die Rotte Begoß ihn mit vermehrtem Spotte.
Doch er, geschmeidig wie ein Aal, Entkam durch eine Seitengasse, Ließ dort, sobald ihn dieser Schlich Geborgen hatte vor der Masse, Den angefüllten Korb im Stich Und lief davon, sein Gasthaus meidend. Was lag ihm noch an seinem Pferd? Was lag an andrem Geldeswert? Jetzt war nur eins für ihn entscheidend! Nachdem er eine halbe Meile Vorm Stadttor endlich Halt gemacht, Beschloß er, noch für eine Weile Sich zu gedulden, bis die Nacht Ihm Schutz vor Überrumplung böte. Erst als im Westen sich verlor Der letzte Schein der Abendröte, Zog er die Lampe sacht hervor Und rieb sie.
"Was ist dein Begehr?" So rief im nächsten Augenblicke Der Geist, an Länge, Breite, Dicke Fünfmal so massig wie ein Bär; "Die Lampe macht es mir zur Pflicht, Daß ich gehorsam dich bediene." Der Zaubrer sprach mit Siegermiene: "Du sollst das Schloß, das jener Wicht Von dir sich hat erbauen lassen, Mit seinen sämtlichen Insassen Und mir zugleich alsbald von da Forttragen durch des Äthers Wellen Und an dem Punkt in Afrika, Wo ich daheim bin, niederstellen." Gehorsam seinem neuen Meister Vollzog der Geist noch in der Nacht Mit Hilfe seiner Nebengeister Den Auftrag.
Zeitig aufgewacht Begab der Sultan sich wie täglich Zum Fenster, um in froher Schau Zu mustern den erhabnen Bau. Sein Staunen aber war unsäglich, Als er den leeren Platz erblickte, Vom Schloß dagegen keine Spur. Er rieb die Augen sich, er zwickte Sich in den Arm; dies konnte nur Entweder Trug sein oder Traum! Doch welche Vorsicht er auch übte, Die Sonne schien, kein Wölkchen trübte Den Himmel bis zum fernsten Saum. Unzweifelhaft, er träumte nicht! Mit steifem, starrem Angesicht Stand er und stand wie angewurzelt Und murmelte: "Das Schloß ist fort, Soviel steht fest. Wär's eingepurzelt, So lägen doch die Trümmer dort. Der Kuckuck weiß, was hier geschehn!" Zum Schluß, wie stets in schweren Fällen, Ließ er dem Großvezier bestellen, Er wünsche schleunigst ihn zu sehn.
Der Großvezier kam angerannt; Der Sultan faßte seine Hand, Zog ihn zum Fenster hin und fragte Voll Spannung: "Wirst du was gewahr Vom Schloß, das gestern hier noch ragte? Mich foppt, so scheint's, mein Augenpaar." Der Großvezier war höchst betroffen; Jedoch er sammelte sich bald. "Herr," sprach er, "liegt nunmehr nicht offen, Was mir schon längst für sicher galt, Wenngleich du mir nicht beigepflichtet? Dies Schloß, ich wiederhol' es frei, So schnell verschwunden wie errichtet, Es war ein Werk der Zauberei."
Der Sultan, der dem Lästerwort Nicht mehr zu widerstehn vermochte, Ward kirschrot im Gesicht; er kochte Vor Zorn und fluchte: "Pest und Mord! Ein Gauner, listig und verlogen, Hat an der Nase mich gezogen! Wo ist der Schurk', der das gewagt? Noch heute soll sein Blut verschäumen!" Drauf jener: "Herr, laß uns nur säumen, Bis er zurückkehrt von der Jagd." "Nichts da! Das wäre zu viel Schonung," Entgegnete der Sultan wild; "Vom Henker werd' ihm die Belohnung, Mit der man Hochverrat vergilt. Geh', schick' ihm dreißig Reiter nach! Die sollen unterwegs ihn greifen, Verhaften und mit Schimpf und Schmach Gefesselt vor mein Antlitz schleifen!"
More by Ludwig Fulda
- Aladdin und die Wunderlampe — 1
- Aladdin und die Wunderlampe — 10 (Nach Tische ward an Aladdin)
- Aladdin und die Wunderlampe — 11 (Von seiner Dienerschaft umgeben)
- Aladdin und die Wunderlampe — 13 (Auf seinem Rückweg nach der…)
- Aladdin und die Wunderlampe — 14 (Erweckt von süßen Vogelliedern)
- Aladdin und die Wunderlampe — 15 (Der Sultan, der bis jetzt…)
- Aladdin und die Wunderlampe — 2 (Nachdem auf solchen Wanderungen)
- Aladdin und die Wunderlampe — 3 (Wer schildert Aladdins Entsetzen)