German poem
Aladdin und die Wunderlampe — 8 (Der Großvezier fand keinen Schlummer)
by Ludwig Fulda (1862–1939)
Der Großvezier fand keinen Schlummer In dieser Nacht. Am andern Tag Bei Sonnenaufgang, als vor Kummer Halb krank er noch im Bette lag, Trat aschenfahl und übernächtig Sein Sohn herein. Der Vater schrie, Vor Jähzorn seiner nicht mehr mächtig: "Hinweg mit dir, und laß dich nie Mehr sehn!" Da fiel er auf die Knie: "Mein Vater, schein' ich so verdächtig, Daß du Gehör mir weigern willst? Wenn dir bekannt, was unverschuldet Ich heut und gestern nacht erduldet, So wett' ich, daß dein Groll zerschmilzt. Ich wurde beidemal gepackt Von unsichtbaren Fäusten, stärker Als Menschenhand, und eingesackt In einen engen, finstren Kerker, Zu schmal, um nieder mich zu legen, Ja, selbst um aufrecht mich zu regen; Die Tür von außen fest verrammelt Und alles Rütteln ohne Zweck! So kauert' ich, noch kaum gesammelt Vom ersten fürchterlichen Schreck, Erneuter Hexerei gewärtig, Gefaßt auf meinen Untergang Und mit dem Erdendasein fertig, Wer weiß, wieviele Stunden lang, Bis endlich beidemal die Tür Von selber aufsprang. Aber gäbe Man tausend Bräute mir dafür, Ich möchte nicht, solang' ich lebe, Dies noch ein drittes Mal erleiden. So sehr mir die Prinzessin teuer, Ich will sie lieber dauernd meiden, Als dem geheimen Ungeheuer Zum Spielball dienen unbeschränkt. Ich glaube, Bedrulbudur denkt Hierin nicht anders, und sie kann, Auch wenn sie liebenswert mich findet, Nicht recht vertrauen einem Mann, Der unfreiwillig stets verschwindet. Drum wünsch' ich, ob du gleich dem bösen Verhängnis nicht mit Unrecht grollst, Daß du den Sultan bitten sollst, Er möge die Verlobung lösen."
Der Großvezier erkannte klar, Wenn auch im Innersten bekümmert: Sein Lieblingsplan von manchem Jahr Lag rettungslos vor ihm zertrümmert, Sodaß, wie nun die Sache stand, Statt auf ein Wunder noch zu harren, Er selber den verfahrnen Karren Am besten stecken ließ im Sand. Er trug dem Sultan untertänig Drum seines Sohnes Bitte vor Und fand ein sehr geneigtes Ohr. Der Herrscher freute sich nicht wenig, Als unverhofft er sie vernahm, Daß dem Entschluß, den er im stillen Gefaßt um seiner Tochter willen, Ihr Bräutigam entgegenkam.
Mit Windeseile flog die Kunde Von der Entlobung durch die Stadt, War tagelang in aller Munde; Doch schließlich schwatzte man sich satt. Es wußte ja vom wahren Grunde Nur Aladdin allein Bescheid, Und da nunmehr sein Weizen blühte, Nahm mit beruhigtem Gemüte Zum nächsten Schachzug er sich Zeit.
Erst als ein Monat noch entwichen Und so, wie vorbestimmt, verstrichen Die ganze Frist von dreien, sandte Von neuem er die Mutter fort Zum Sultan, der sie gleich erkannte Und sich an sein gegebnes Wort Erinnerte. Mit freiem Mute Bat sie den Fürsten auf den Knien, Gewähren mög' er Aladdin, Was zu versprechen er geruhte, Da die bedungne Frist vorbei.
Dem Sultan war die Mahnung peinlich. Er hatte ja für unwahrscheinlich Gehalten, daß die Schwärmerei Des jungen Manns nach so viel Wochen Noch immer nicht erloschen sei; Denn was er unbedacht versprochen, War niemals ernst gemeint gewesen. Konnt' er zum Gatten seines Kinds Wohl einen Schwiegersohn erlesen, Der nicht geboren war als Prinz? Und doch vor offener Verneinung Sich scheuend, zog im Widerstreit Er seinen Großvezier beiseit Und fragte leis nach dessen Meinung. "Herr," sagte jener gleichfalls leis, "Wenn du dein Wort nicht willst verletzen, Genügt es, einen solchen Preis Für die Prinzessin festzusetzen, Daß, wenn des Werbers Überfluß An Geld und Gut auch ohnegleichen, Trotz allem er die Segel streichen Und voll Beschämung abziehn muß."
Der Ratschlag schien dem Sultan schlau; Deshalb sich zu der Mutter eilig Umwendend sprach er: "Gute Frau, Ich gab mein Wort und halt' es heilig. Dein Sohn soll keinen Hindernissen Begegnen; aber um zu wissen, Was er zur Morgengabe beut, Und ob er wirklich zur Erringung Der hohen Braut kein Opfer scheut, Mach' ich ihm eines zur Bedingung: Ich fordre, daß er vierzig Becken Von schwerstem Gold mir schicken soll, Die sämtlich bis zum Rande voll Von herrlichen Juwelen stecken, Den damals mir geschenkten gleich, Die jeden Stein im ganzen Reich Weitaus an Schönheit übertrafen, Hertragen sollen diese Fracht Auf Häupten vierzig schwarze Sklaven In reicher, auserlesner Tracht, Geführt von vierzig jungen weißen, Die noch verschwenderischer gleißen. Dies die Bedingung. Wird genau Von ihm bestanden diese Probe, Dann—höre, daß ich's laut gelobe— Wird meine Tochter seine Frau."
Die Mutter schritt bedenklich heim, Jedoch gelabt vom Hoffnungsschimmer, Des Herrschers Fordrung werd' auf immer In ihrem Sohne jeden Keim Des närrischen Begehrs ersticken. Doch als von diesem Trost beseelt Sie klipp und klar ihm aufgezählt, Was er dem Sultan solle schicken, Und sicher dachte, daß erschrocken Er sich bequeme zum Verzicht, Rief er mit strahlendem Gesicht Und überschäumendem Frohlocken: "Nichts weiter? Ei, der Sultan irrt Im Glauben, daß durch die Bedingung Er mich ins Bockshorn jagen wird. Wähnt er, mir fehle zur Bezwingung Solch eines Probestücks die Macht? Ich könnt' ihm noch ganz andre Launen Befriedigen. Er soll erstaunen, Und du nicht minder. Gib nur acht!"
Er ging in seine Kammer, rieb Die Lampe, bis der Geist erschienen, Der unterwürfig ihm zu dienen Wie stets bereit war. Er beschrieb Des Herrschers Anspruch ihm ausführlich Und fragte dann, ob er dies all Ihm schaffen könne Knall und Fall. Der Geist erwiderte: "Natürlich." "Wohlan," sprach Aladdin, "so eile, Damit ich flugs den ganzen Tand Ihm senden kann."
Der Geist entschwand Und kam nach nicht viel größrer Weile, Als während man die Augenlider Zuschließt und öffnet, wie geheißen Mit vierzig schwarzen Sklaven wieder, Sowie mit vierzig jungen weißen, Sodaß der umfangreiche Zug Sich auf die Straße mußt' erstrecken, Weil Haus und Hof nicht weit genug. Ein jeder von den schwarzen trug Auf seinem Haupt ein goldnes Becken, Und jedes Becken wies in Fülle Demanten, Perlen und Berylle, Smaragd, Saphir, Topas, Rubin Von höchstem Reiz des Farbenspieles Und überlegen noch um vieles Den Früchten, die sich Aladdin Im Zaubergarten einst gepflückt. Nachdem das Werk soweit geglückt, Rief er die Mutter, die mit starren, Weit aufgerissnen Augen gaffte. "Schau," sprach er, "muß der Sultan harren? Gesteh', daß ich zur Stelle schaffte, Was er vorhin sich ausbedang! Jetzt aber zögere nicht lang Und bringe meine Morgengabe Geradeswegs in den Palast, Damit an meiner großen Hast Er merkt, wie sehr ich Sehnsucht habe, Mein Herz nach so viel Sturmgebraus Zu steuern in der Ehe Hafen."
Die Mutter schritt somit voraus Dem wundersamen Zug der Sklaven. Das gab ein Aufsehn! Jedem Haus Entströmten gierige Beschauer, So daß in Kürze jung und alt Zu einer dichten Menschenmauer Auf allen Straßen stand geballt. Was irgend Beine hatte, lief, Was irgend Lungen hatte, rief Mit Stimmen, gellend wie Posaunen, Man möge kommen, sehn und staunen. Einmütig wurde die Verkündung Des Urteils allerorten laut, Daß in der Stadt seit ihrer Gründung Man solchen Aufwand nie geschaut, Nie Sklaven edler von Gestalt, Von Wuchs und Haltung angetroffen, So bunt geschmückt, so mannigfalt Bekleidet mit den feinsten Stoffen. In schöner Ordnung—denn zur Seite Den schwarzen Beckenträgern war Jeweils ein weißer als Geleite— Hinwandelten sie Paar für Paar. Dazu der Edelsteine Glänzen, Der vierzigfache Spiegelschein Des lautren Goldes—allgemein War die Begeistrung ohne Grenzen.
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