German poem
Wack’rer Mann
by Marie Eugenie Delle Grazie (1864–1931)
Wack’rer Mann! Schon früh am Morgen Öffnet er die Ladenthür, Räumt, als trüg’ er schwere Sorgen, Keuchend sein Geräth herfür: Erst den Dreifuß, dann die Zange, Ahle, Schusterkneip und Zirn, Oft auch steht und sinnt er lange, Oder reibt sich ernst die Stirn; Endlich sitzt er – doch die Hände Ruhen müßig noch im Schooß, Denn am linken Straßenende Ist ein schlimmer Handel los: Frühbezechte Eseltreiber Prügeln sich dort blau und wund, Und der Chorus ihrer Weiber Übt behende Faust und Mund. Durch verächtliche Geberden Sagt der Meister, was er denkt, Bis ein Stiefel, noch im Werden, Seine Blicke abwärts lenkt. Heut’ noch wird er ihn vollenden – O gewiß, er schwört’s bei sich! Dreht ihn zwischen kund’gen Händen Und holt aus zum ersten Stich. Da – ein Ruf, ein flüchtig Grüßen – Hastig schießt’s an ihm vorbei – „Euer Blatt!“ und ihm zu Füßen Liegt die Zeitung. – „Nun es sei!“
Vorerst will er sich berathen, Was dem Vaterlande noth, Welches Bündnis, welche Thaten – Traun, noch ist man Patriot! Spät erst, doch mit stolzen Blicken Nimmt er seinen Stiefel auf, Zwischen ihm und Rom’s Geschicken Hastet sein Gedankenlauf, Bunt sich kreuzend hin und wieder: „Afrika“ und „Crispi“ – „Zwirn“ – „Mehr Soldaten“ – auf und nieder Rast es so in seinem Hirn, Bis der Schweiß in hellen Tropfen Von der biedern Stirn ihm fällt Und die Hand mit ihrem Klopfen Leise bebend innehält. Da – ein helles Fensterklirren Über ihm – sein Athem stockt – „Sie!“ und seine Blicke irren Sehnend aufwärts: Schwarzgelockt Nickt ein Köpfchen ihm von oben Flücht’gen Dank auf seinen Gruß, Während er, das Haupt erhoben, Nachstarrt, bang und voll Verdruß.... Nun tritt sie heraus, nun schreitet Lächelnd sie dem Corso zu – Aus den braunen Händen gleitet Ihm zum letzten Mal der Schuh....