German poem
Es zieht ein Segen von Haus zu Haus
by Peter Rosegger (1843–1918)
Zum Schillertag 1905.
Es zieht ein Segen von Haus zu Haus; Es klingt in den Lüften und klingt nie aus, Es rauscht in den tiefen Gewässern. Es ruht in der Erde und keimt empor, Es blüht aus den holden Maien hervor Und glüht in den Herzen der Bessern.
Es leuchtet und tost ein gewaltiger Strom Dahin durch des Himmels ewigen Dom, Daß der Erde Urgrund erbebet. Es tönet ein zarter, süßer Gesang Wie Saitenzittern, wie Nachtigallklang, Der alles weckt und belebet.
Wir fühlen im Herzen der Liebe Hauch, Das Sehnen nach Großem, die Hoffnung auch Zu schauen einst glückliche Zonen. Ein heiliger, glühender Geist durchzieht Wie Sonnenleuchten das dunkle Gemüt, Die höchste der Religionen.—
Sein Sterben doch mach' uns nicht zag, Hie Todestag—hie Ostertag, Der Geist wird freigegeben. Wenn große Menschen schlafen gehn, So ist es ein neues Auferstehn Zu wahrem, wirkendem Leben.
Und wie die Glocke auf dem Turm Durch dieses Lebens Fried' und Sturm In Freud' und Leid uns läutet, So Friedrich Schillers hehrer Sang Dem Menschensohn auf lebelang Viel Trost und Heil bedeutet.
Sein Lied ist es, sein Dichterwort— Schon tönt's ins zweite Jahrhundert fort Und hallet im dritten wieder. Der Hirt in der Alpen Himmelsnäh', Der Schiffer auf ferner, wildwogender See Empfindet und singt seine Lieder.
Sein Lied ist es, der schmetternde Ruf, Der Sklaven den Drang zur Freiheit schuf Und sie zu Menschen erkoren. O kennt ihr des Sängers wildweckenden Schrei: Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, Und wär' er in Ketten geboren!
Sein Lied ist es, das weist uns die Bahn: Ans Vaterland, Bürger, schließ dich an, Bleib treu deinem Lande und Blute! Dann deutet er mahnend himmelwärts: Nicht an die Güter hänge dein Herz! Häng es allein an das Gute!
Sein Lied ist es, der wonnige Hall: Die Tugend, sie ist kein leerer Schall, Der Mensch kann sie üben im Leben!— Und was die innere Stimme spricht, Das täuscht die hoffende Seele nicht In ihrem heiligen Streben.—
O Dichterkönig! Du ließest zurück Ein Gut, der Deutschen Stolz und Glück, Ein flammendes Gotteszeichen; Das Erbe der Nibelungen und Die Schätze all in Kyffhäusers Grund Sind nicht damit zu vergleichen.
So schließen wir heute zur Weihestund' Des Dichtererbes den treuen Bund Auf allen unseren Wegen: In Güte treu, in Frieden frei, Ein einzig Volk von Brüdern sei Des deutschen Dichters Segen!