German poem
Dem Mond
by Rudolf von Gottschall (1823–1909)
Ich flüchte aus dem Licht der Sonnen In deine bleiche Schattenwelt; Erquickung strömt, ein frischer Bronnen, Dein Strahlenquell am Himmelszelt. Du wandelst über fernen Gipfeln Wie ein geheimes Sehnen hin. Und über den verklärten Wipfeln Schwebst du, der Blüthen Königin.
Aufdringlich ist des Tages Leuchte, Die spähend in’s Verborg’ne schaut; Dich grüßt die Flur, die thränenfeuchte, Die dir ein stilles Weh vertraut. Und wachgeküßt von nächt’gen Winden Erschließt die scheue Blume sich; Wenn Schatten sich zu Schatten finden, Ergreift’s die Seele heimathlich.
Ja, leuchten mag den ewig Klaren Das Taggestirn mit prächtigem Schein; Ein ahnungsvolles Offenbaren Quillt aus der Mondennacht allein. Wenn zwischen Blumen unter Sternen Der Falter durch den Dämmer schwebt, Dann wirst du das Geheimniß lernen, Das zwischen Erd’ und Himmel webt.
Dann schmilzt und löst sich alles Feste, Und jede starre Schranke bricht; Dann scheint das Schlimmste wie das Beste Dir nur das gleiche Traumgesicht: Der Mächt’gen Trotz, die Noth der Armen, Der Tugend Qual, des Frevels Lust, Und mit unendlichem Erbarmen Erfüllt der Menschheit Loos die Brust.