German poem
Weihnachten
by Rudolf von Gottschall (1823–1909)
Das Christkind fliegt von Haus zu Haus; Da flammt’s von tausend Weihnachtsbäumen! Ein Leuchten flog ihm schon voraus In all den sel’gen Kinderträumen. Wie jauchtzt die Schar, wenn der entzückte Blick Erfüllten Wünschen überall begegnet! Heut’ giebt es nur ein segnendes Geschick – O Weihnacht, Fest der Kindheit, sei gesegnet!
Und dort – ein einsam’ Lichtlein strahlt Hell in der Armut kahlem Zimmer; Ein schüchtern dürft’ges Bäumchen prahlt Mit diesem ungewohnten Schimmer. Das ist kein Irrlicht, wie’s in nächt’gem Tanz Auf toter Heide das Gezweig umflirrte; Hier preist ein jubelnd Kind den Zauberglanz Der in die kleine Hütte sich verirrte.
Und in die hellen Fenster starrt Ein Wand’rer von den öden Gassen. Die Freude hat er längst verscharrt, Die Liebe hat ihn längst verlassen. Und sternenlos ist ihm die Nacht des Herrn, Und wünschelos muß er dem Glück entsagen; Und schlägt für ihn kein Herz mehr nah und fern, Wozu soll länger noch das seine schlagen?
Beglückter der verlor’ne Sohn – Er kehrt zum heimatlichen Herde; Einst aus dem Vaterhaus entflohn, Durchzog er ruhelos die Erde. Ein Friedensfest, ein Fest voll Lust und Schmerz! Daß Keiner der bereuten Schuld gedenke! Vergebung unter Thränen – Herz an Herz, Das ist das schönste aller Christgeschenke.
Wehmütig ruht der Lichter Glanz Dort auf dem Haupt der beiden Alten, Auf ihrer Haare Silberkranz, Auf den verwitterten Gestalten. Es ist ein Fest nur der Erinnerung, Sie schauen träumend in das Licht der Kerzen. Viel schwand dahin, doch blieb die Liebe jung Und sel’ge Weihnacht tragen sie im Herzen.
Du, Christkind, magst im Siegeslauf Dich nicht so rasch von uns entfernen; Noch einen Christbaum baue auf, Der sich erhellt bis zu den Sternen! Zur ganzen Menschheit niederstrahlen mag Der Segen, den du heute uns beschieden; Die heil’ge Nacht, sie werde heil’ger Tag Ein ew’ger Weihetag voll Glück und Frieden! Rudolf von Gottschall.