German poem
Umbrische Nächte
by Wilhelm Hertz (1835–1902)
Du hattest unter Kuß und Kosen Der Stirne Lorbeer mir entlaubt, Und kränzest nun mit wilden Rosen Bachantisch lächelnd mir das Haupt.
Erst ward im Träumen und im Sehnen Mein Aug’ so trüb, mein Herz so krank, Da war es, daß mir unter Thränen Die Harfe dumpfen Klangs entsank.
Und als, die Schwüre zu erwidern, Dem Kuß sich bot dein Angesicht, Da schwoll mein Herz von tausend Liedern, Allein die Harfe rührt’ ich nicht. Doch diese Nacht, die Nacht der Wonnen, Will ich im Jubelklang vergehn! Heut’ soll die Gluth von tausend Sonnen Aus meinen gold’nen Saiten weh’n.
Drum reich’ die Becher, reich’ die Kränze! Mir führt die trunk’ne Hand Properz. So klingt’s und blüht’s in keinem Lenze, Wie in des sel’gen Dichters Herz. II. Wenn Mitternacht den Dom der Sterne Betritt mit schweigendem Gebet; Wenn aus des Aethers kühler Ferne Ein leiser Schöpferodem weht;
Wenn sich der Erde Busen wieder In bräutlichem Entzücken wiegt, Und an des Schläfers nackte Glieder Sich Cynthia verstohlen schmiegt, –
Dann rühret mir ein Himmelssegen Mit Zeugungswonnen Geist und Leib, Dann pocht mein Herz mit Götterschlägen An ein erbebend irdisch Weib.
Dann fühl’ ich Weihegluthen thauen Ambrosisch um mein duftend Haar, Dann wird mir im prophet’schen Schauen Der Schöpfung Räthsel offenbar. So weht aus fremder Welt herüber Ein halb verlorner Sphärenlaut. Der Geist der Liebe geht vorüber: O neig’ dein Haupt, du Dichterbraut! III. An deinem süßen Herzen Ruh’ ich in stiller Stund’, Es feuchtet meine Schläfen Dein athemwarmer Mund.
Mich wiegt ein Himmels-Garten; Da blühen wunderbar Zwei weiße Rosenbüsche Mit Knospen purpurklar.
Im traumessel’gen Schweigen Die Rosenwogen wall’n, Mir aber ist, als hör’ ich Viel tausend Nachtigall’n.
Nun wollen Lieder brechen Aus stürmendem Herzensgrund – Du aber legst die Finger Mir mahnend auf den Mund. IV. Komm, laß mit Myrthen dir umlauben Der Wangen rothgeküßtes Licht! Und frage nicht nach meinem Glauben, Du kleiner Träumer, frage nicht!
Ob ich zum Himmelsbürger tauge, Lehrt dieses Busens Heiligthum; Es predigt mir dein dunkles Auge Ein heitres Evangelium.
Und seit du meine Augenlider Mit nektarfeuchtem Kuß geweiht, Schau’ ich die schöne Gottheit wieder In aller ihrer Herrlichkeit.
Ihr Tempel ist der ew’ge Aether, Dein Marmorleib ist ihr Altar, Dort bringe ich, ein trunk’ner Beter, Der Liebe Flammenopfer dar. V. Blick’ ich in dein braunes Auge, In die dunkle Märchenwelt, Wird von seltsam süßem Grauen Mir oft leis das Herz geschwellt. Ward dir nie die schaur’ge Kunde Von den stillen Geisterseen? Wo den lustgelockten Wandrer Niederzieh’n die Wasserfeen.
Blick’ ich in Dein braunes Auge, Lockt’s mich wie ein Zaubersee, Todessehnsucht zieht mich nieder, Und mir wird so geisterweh. Schweigend senk’ ich dann die Stirne Ahnungsvoll in Furcht und Schmerz, – Und Du küssest ängstlich fragend Mit das traumbewegte Herz. VI. Ich bin erwacht von wilden Träumen, Du aber schlummerst sanft und mild. Schon will ein Grau die Wolken säumen, Doch schweigend liegt noch das Gefild.
Da ruht dein Leib! – In sanfte Wellen Ist aufgelöst der Glieder Pracht, Die freien Locken überquellen Des Busens Glanz mit Wolkennacht.
Noch schmieget sich an deine Wangen Ein lächelndes Erröthen an; Denn wo ein Glück vorbeigegangen, Da zeichnen Rosen seine Bahn.
Vom Himmel naht ein leises Rauschen, Der Frühling wandelt durch die Welt; Dein süßes Herz laß mich belauschen, Das hat ein schön’rer Lenz geschwellt!
Schon drängt er seine Blüthenfülle Auf dein erglühend Angesicht, Und deiner Augen zarte Hülle Durchbricht sein morgenhelles Licht. – Blick’ auf, mein Lieb! die Wolken prangen, Horch auf! die jungen Stürme weh’n; Dein blühend Herz halt’ ich umfangen, – O laß mich deine Augen seh’n!
Du schlägst sie auf und senkst sie wieder, Der Morgen röthet das Gefild. – So drückte an die heißen Glieder Pygmalion sein Marmorbild!