German poem
Spinnlein
by Clara Müller-Jahnke (1860–1905)
Maiblumen pflückt ich mir einen Strauß und brachte ihn abends mit nach Haus
und stellte ihn in ein Wasserglas auf den Schreibtisch neben mein Tintenfaß –
und schlief und träumte von Blumenblühn, von Wogenrauschen und Waldesgrün,
und als die Sonne ins Zimmer sah, welch lieblich Wunder beschien sie da:
ein Spinnlein, das ich vergangene Nacht, im Strauß verborgen, mit heimgebracht,
war seiner duftigen Haft entronnen und hatte ein schimmerndes Netz gesponnen;
das schwankte nun zwischen dem Blumenglas und dem Liederbuch über dem Tintenfaß.
Da lacht ich: du willst eine Dichterin sein – und die Spinnen spinnen dein Tintfaß ein?
So laß es gelten als freundliches Bild: das Lied, das dir frisch aus der Seele quillt,
schreib es nicht nieder mit Stift und Stahl, – gib es dem leuchtenden Sonnenstrahl
und sing es hinaus in die blühende Welt . . . Nachsingen mag es, wem es gefällt!