German poem
Einhundert zwey und siebenzigstes Sonett: [Reißender Strom, der du aus Alpenquelle]
by Francesco Petrarca (1304–1374)
Reißender Strom, der du aus Alpenquelle Rauh dannen ziehst, daher du Rhodan heißest, Und Tag und Nacht verlangend mit mir reisest, Dich treibt Natur, mich Lieb' an gleiche Stelle. Geh' du voraus: nicht zügelt deine Schnelle Ermattung, Schlaf. Und ehe du erweisest Sein Recht dem Meer, beachte, wo du kreisest Um frisch'res Grün, in rein'rer Lüfte Helle, Da strahlt unsrer lebend'gen Sonne Klarheit, Die deinen linken Strand schmückt und umkleidet; Vielleicht, daß sie bey meinem Zögern leidet. Küß' ihr die schöne weiße Hand, die Füße! Sag' ihr, der Kuß sey statt der Worte Süße! Der Geist ist willig, schwach das Fleisch in Wahrheit.
More by Francesco Petrarca
- Einhundert zwey und dreyßigstes Sonett: [Blieb ich einst standhaft in der Höhle stehen]
- Einhundert zwey und fünfzigstes Sonett: [Sahen Virgil einst und Homerus tagen]
- Einhundert zwey und neunzigstes Sonett: [Ich sang, itzt wein' ich, und ein gleich Vergnügen]
- Einhundert zwey und sechszigstes Sonett: [Die heitre Luft, die einen Weg gefunden]
- Einhundert zwey und vierzigstes Sonett: [Kühn zieh' ich durch der Büsch' unwirthbar Grauen]
- Einhundert zwey und zwanzigstes Sonett: [Ich sah auf Erden Engelsitte walten]
- Einhundertstes Sonett: [So neuer Art wollt' ich von Liebe künden]
- Erstes Sonett: [Herrlich an mir zu üben seine Tücke]