German poem
Zweyhundert ein und neunzigstes Sonett: [O Zeit, o Himmelslauf, der du die blinden]
by Francesco Petrarca (1304–1374)
O Zeit, o Himmelslauf, der du die blinden, Elenden Erdner trügst in flücht'ger Eile; O Tag, beflügelter als Wind und Pfeile, Nun aus Erfahrung kenn' ich eure Sünden. Doch soll Entschuld'gung euch, mich Tadel finden; Euch gab Natur der Flügel Schwung zu Theile, Mir Augen; daß mein Weh ich lange Weile Nur sah; deß muß ich Reu' und Schmerz empfinden. Zeit wär' es, ja sie ist vergangen eben, Daß ich nach sichrer Gegend hin sie wende, Endlosen Jammers mich zu überheben. Doch flieht die Seel', Amor, nicht deine Hände, Ihr Wehe nur, du weißt's, mit welchem Streben; Tugend ist schöne Kunst, nicht Zufalls Spende.
More by Francesco Petrarca
- Zweyhundert drey und zwanzigstes Sonett: [»Werthvoll ist's Leben, und nach ihm zu preisen]
- Zweyhundert ein und achtzigstes Sonett: [Hast Höchstes nun, was du vermagst, begangen]
- Zweyhundert ein und dreyßigstes Sonett: [Was thust, was denkst du, daß du nur nach Tagen]
- Zweyhundert ein und fünfzigstes Sonett: [Hätt' ich gedacht, daß je die Welt so ehrte]
- Zweyhundert ein und sechszigstes Sonett: [Amor, der du im Glück mit mir gezogen]
- Zweyhundert ein und siebenzigstes Sonett: [Dahin ist ach! die Zeit nun und vergangen]
- Zweyhundert ein und vierzigstes Sonett: [Das schönste Antlitz, so je ward gefunden]
- Zweyhundert ein und zwanzigstes Sonett: [In solchem Stern hab' ich zwey Augen sehen]