German poem
Ave Maria!
by Friedrich Hofmann (1813–1888)
Der Berge Riesenhäupter strahlen Noch von des Tages Scheidekuß; Tief aus den Schlünden, aus den Thalen Aufsteigt die Nacht mit leisem Gruß, Und drunten tönt von der Capelle Am Felsenrand das Glöcklein helle: Ave Maria!
Komm, Gritli! Schallt Dir nicht zum Ohre Der traute Laut? Komm zu der Statt, Wo zum Gebet die Felsempore Gott selbst uns ausgerichtet hat! Wie tief herauf die Töne dringen, Sie sind des Engelgrußes Schwingen: Ave Maria!
Ob Säulen gleich die Berge ragen Fast über Wolk’ und Mond hinaus – Zu groß ist für des Herzens Zagen Solch unermeßlich Gotteshaus. Der Glaube und die Liebe treten Gern in den kleinsten Raum und beten: Ave Maria! Wie klein und arm das Kirchlein hanget Am Felsgezack! Doch birgt es nicht, Was einzig durch das Dunkel pranget, Am Heil’genschrein ein ewig Licht? Im Glockenklang und Lampenscheine Begrüßt das Herz die Hehre, Reine: Ave Maria!
Ein jedes Herz hat seine Weise, Wie es die Blüthen und die Frucht Auf unsrer Erdenpilgerreise Im Glauben und im Lieben sucht. Wem wohl das Herz bei seiner Weise, Dem klingt wie Himmelsgruß das leise Ave Maria!