German poem
In der Wolle
by Johann Karl Wilhelm Geisheim (1784–1847)
Glücklich, wer sein Schäfchen schor, Und in’s Trockne brachte; Wer, im Scheren Matador, Seinen Rebbes machte. Heil, wer in Fortunen’s Arm, Wie ein Schaf so kraus und warm, Sitzet in der Wolle.
Drauf thut auch so Mancher dick, Gar wohl übermüthig; Doch es wechselt das Geschick, Ist nicht immer gütig. Wie ein sanftes Schäfchen drum, Hübsch bescheiden, doch nicht dumm, Freund, sitz’ in der Wolle.
Nimm dich fromm und schlau in Acht, Daß des Schicksals Schere Nicht auch dich zum Schafe macht, Kahl auch dich einst schere. Denk’ an die geschoren sind, Menschlich sei und mild gesinnt, Freundchen, in der Wolle.
Schier nicht selber kahl und blank Wucherisch die Armen. Hast du Wolle, laß zum Dank Andre dran erwarmen. Manchem schwer das Leben ist, Aber, leider! das vergißt Mancher in der Wolle.
Doch so manches goldne Schaf, Was dir Wolle spendet, Freund, gesteh es ein, im Schlaf’ Ist dir’s zugesendet. Deines Glückes freue sich Auch die Welt: dies sei für dich Wollust in der Wolle.
Doch auch wer geschoren ist, Finde Trost am Lamme; Wolle wächst zu jeder Frist Auf dem guten Stamme. Oft wer heute kahl noch war, Stellt sich morgen wollig dar Plötzlich in der Wolle.