German poem
Die Jobsiade — Dreißigstes Kapitel
by Karl Arnold Kortum (1745–1824)
Ein Brief von Mamsell Esther an Herrn Jobs, worin viele neue Märe enthalten ist, von dem alten Herrn von Ohnwitz, wie auch von dessen Herrn Sohne, und so weiter.
»Mein theuerster Bruder! Dein gutes Geschicke Gereicht mir zum größesten Vergnügen und Glücke, Auch noch mehrere Deiner Freunde sind hier Und alle freuen sich herzinnig mit mir.
Denn es haben zu Rudelsburg vor einigen Wochen Der alte Herr von Ohnwitz und seine Gemahlin eingesprochen, Und hieselbsten eine sichere Zuflucht Für die Verfolgung der Feinde gesucht.
Auch ist vorgestern wider alles Verhoffen Der junge Herr von seiner Reise eingetroffen, Denn ihm ward schon der traurige Zustand Von Ohnwitz an der Grenze bekannt.
Entblößt von Geld und andern Nothdürftigkeiten Erwarten sie hier alle zwar bessere Zeiten; Aber ich denke, bei Dir zu Schönhain Werden sie besser als in Rudelsburg sein.
Es ist Dir also, mein bester der Brüder! Ihr Besuch angenehm und nicht zuwider? Ein Brief noch von Dir und alle wir Machen uns auf die Reise zu Dir.
Tausend Grüße und herzliche Empfehlungen Von der gnädigen Frau und dem alten und jungen Baron. Ich verbleibe, nach altem Gebrauch, Deine treue Schwester bis zum letzten Hauch.«
Dieser Brief verursachte gewaltige Regung Bei Herrn Jobs, und ohne lange Ueberlegung Packte er ein Paar tausend Thaler ein Nebst einer Invitation nach Schönhain.
Er sandte alles durch eine Staffette, Und als wenn es irgendwo gebrennet hätte, Jug dieselbe Tag und Nacht durch, Bis sie ankam zu Rudelsburg.
Ohngefähr nach verstrichenen vierzehn Tagen Trafe in einem gemächlichen Wagen Die Ohnwitzer Familie zu Schönhain Und Mamsell Esther zugleich mit ein.