Versos German Karl Arnold Kortum Die Jobsiade — Eilftes Kapitel

German poem

Die Jobsiade — Eilftes Kapitel

by (1745–1824)

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Wie Hieronimus zu Pferde bis zur Poststation kam, und wie er im Wirthshause einen vornehmen Herrn fand, Herr von Hogier genannt, welcher ihm heilsame Lehren gab und ein Spitzbube war.

Hieronimus also nunmehro wegreitet, Seines Vaters Hausknecht ihn begleitet Bis zu dem nächsten Städtelein, Da steigt er dann i'n Postwagen ein.

Ob nun gleich der Abschied nahe gegangen, So truge derselbe doch großes Verlangen Nach der geliebten Universität, Wo es täglich so lustig ergeht.

Kaum hatte er nun Schildburg verlassen Und er sich befand auf der Landstraßen, Als er Vater, Mutter, Geschwister vergaß, Und sich höchlich ergötzte, daß

Er nunmehr, als ein freier Studente, Baß sich täglich vergnügen könnte, Und des mürrschen Rectors Prügel und Lehr', Dem Himmel sei Dank! entloffen wär'.

Vorzüglich freuete er sich nicht wenig Und dünkte sich reicher als ein König, Wenn ihm das Geld im Sinne kam, Das er von Hause mitte nahm.

Vor Allem vergnügte ihn besonder Das liebe Päcklein, welches er von der Hochbetrübten Frau Mutter empfing, Als es ans bittere Scheiden ging.

Da es ihm nun an Zeitvertreib fehlte, Zog er das Päcklein hervor und zählte Das Geld, welches drin enthalten war, Und fand mit innigster Freude baar

Mehr als dreißig verschiedene Stücke, Alle von Silber, groß, schwer und dicke, Gulden und Thaler mannichfalt Meistens von Gepräge rar und alt.

Seine Mutter hatte sie nach und nach ersparet, Und zum Nothpfennige aufbewahret, Denn sie war eine weidliche Frau Klug und sparsam, oder vielmehr genau.

Zuweilen mußte ihm auch imgleichen Der Knecht, sein Begleiter, etwas reichen Zum Zeitvertreib von den Victualien, Womit ihn die Eltern zur Reise versehn.

Als nun unter diesen Gedanken und Dingen Dem reisenden Hieronimus die Stunden vergingen: So gelangte er endlich sehr müde und matt Ins Wirthshaus der oben gedachten Stadt.

Allhie befand sich nun der Postwagen, Der ihn nach der Universität sollte tragen; Selbiger war aber zu dieser Zeit Noch nicht völlig zur Abfahrt bereit.

Hieronimus ließ nun vor allen Dingen Seinen getreuen Gaul zu Stalle bringen, Welchem sein Knecht das Futter gab, Und band den schweren Mantelsack ab.

Er hat aber auch nicht vergessen, Sich zu erlaben mit Trinken und Essen, Und so ward er bald darauf am Tisch Wieder gestärket, munter und frisch.

Es war auch da ein fremder Herr logiret, Mit einer großen Perücke und reich schameriret, Welcher aus fernen Ländern kam, Herr Baron von Hogier war sein Nam'.

Dieser erzeigte unserm Helden viel Ehre Und erkundete freundlich, wer er wäre. Hieronimus antwortete drauf behend: »Gnädiger Herr! ich bin ein Student

Zu Hochdero Diensten, und ich ziehe Gleich itzo nach der Akademie Um zu studiren spät und früh Die Wissenschaft der Theologie.«

»So! dazu wünsch' ich Ihnen viel Glücke!« Antwortete der Herr mit der großen Perücke; »Aber nehmen Sie sich wol in Acht, Daß Sie nicht werden in Schaden gebracht!

Ich hab' auch hohe Schulen vormals gesehen Weiß wol, wie's da pflegt zu ergehen, Mancher junge Bursche wird da ums Geld, Durch das verwünschte Spielen geprellt.

Und viele, anstatt fleißig zu studiren, Lassen sich zu Ausschweifungen verführen, Und verbringen die kostbare Zeit In aller erdenklicher Liederlichkeit.

Ich selbst habe öfters in jüngern Jahren Die traurige Wahrheit davon, leider! erfahren, Nehmen Sie also sich fleißig in Acht, Und denken sie dran, ich hab' es gesagt!«

Hieronimus versetzte: »Lieber Heere! Ich danke viel für die weise Lehre, Und werde Ihren trefflichen Unterricht In meinem Leben vergessen nicht.

Uebrigens muß ich Euer Gnaden sagen, Das Spielen thut mir zwar sehr behagen, Hab' die Ehre zu versichern doch, Wenn ich spiele, spiel' ich nicht hoch.«

»Niedrige Spiele laß ich passiren, Denn so kann man eben nicht verlieren, Und man vertreibet sich doch die Zeit Sehr angenehm und mit Artigkeit.

Wir, zum Exempel, könnten nun Beide, Blos zum Zeitvertreib und zur Freude, Etwa ein kleines Spielchen auch thun.« Erwidert der Herr mit der Perücke nun.

Hieronimus, gleich im Augenblicke, Fand den Vorschlag des Herrn mit der Perücke, Ein Spielchen zu machen, sehr angenehm, So lange bis der Postwagen käm'.

Sie brauchten nun gar nicht lange zu warten, Der Wirth brachte alsbald neue Karten Für seine beiden Gäste heran, Und nunmehr fing man zu spielen an.

Anfangs ward niedrig pointiret, Aber Hieronimus, durch Gewinnsucht verführet, Fing nun höher zu setzen an, Weil er die ersten Spiele gewann.

Nun aber wendete sich das Glücke Zum Herrn von Hogier mit der großen Perücke, Als welchem itzo in jeglichem Spiel Immer die Karte günstiglich fiel.

Das Geld, welches Hieronimus zur Reise Bestimmt hatte, ging auf diese Weise Bald hin, und da er noch weiter verlor, Zog er nun auch das Päcklein hervor.

Aber das Glück warf stets noch günstige Blicke Auf den Herrn mit der großen Perücke, Und mit einem jeglichen neuen Satz, Entstand im Päcklein ein leerer Platz.

Und in weniger als dreiviertel Stunden War der mütterliche Segen ganz verschwunden, Und der Herr mit der großen Perück' Hatte Alles gewonnen, Stück vor Stück.

Denn, daß der Herr mit der großen Perücke Ihn listiger Weise beim Spiele berücke, Das merkte der gute Hieronimus nicht— Denn Herr von Hogier hatte ein ehrlich Gesicht.

Es wär ihm endlich gar noch eingefallen Auch seinen Mantelsack loszuschnallen, Und er hätte das drin erhaltene Geld Auch noch auf die unglückliche Karte gestellt.

Doch, zu des Hieronimus größtem Glücke Und zum Leidwesen des Herrn mit der Perücke, Blies grade itzo der Postillon Und Hieronimus fuhre davon.

Beim Abschied warf er viele unwillige Blicke Auf den Herrn mit der großen Perücke, Und mit einigem Ungestüm Nahm er nunmehr Ade von ihm.