German poem
Die Jobsiade — Einunddreißigstes Kapitel
by Karl Arnold Kortum (1745–1824)
Wie der Fuchs, wenn er den jagenden Hunden Endlich aus dem Gesicht ist verschwunden, Froh ist, daß nur ein Maul voll Haar, Und weiter nichts, diesmal verloren war.
So wußte sich auch in seinem größten Ungelücke Hieronimus damit zu trösten, Und war froh, daß er eben mit hei- ler Haut den Bauern entgangen sei.
Zwar hat, seitdem er sich von Ohnewitz entfernet, Er mit seinem eigenen Schaden gelernet, Wie gar sauer, elend und schwer Es im Schulamte gehet her.
Er nahm sich auch vor, nie in seinem Leben Wieder Bücher im Druck herauszugeben, Denn blos und allein von Autorsucht Rührte sein Unglück und jetzige Flucht.
Indeß, da der Patron nach dem Bayerlande Sich jetzt mit der Gemahlin auf Reisen befande, So wollte auch Hieronimus dort bei ihm Schutz suchen vor der Bauern Grimm.
Er hat sich also nicht lange besonnen, Sondern auch seine Reise dahin begonnen, Jedoch hielte bald seinen Lauf Ein neues Abenteuer auf.
Denn er hat, wider alles Verhoffen, Auf der Reise ein Hinderniß angetroffen, Als er just in einer großen Stadt Einige Tage ausgeruhet hat.
Hier, um seine melancholischen Grillen Einigermaßen zu dämpfen und zu stillen, Fiel es ihm einmal des Abends ein, Zu gehen in die Komödie ein.
Er ward bald unter den Schauspielerinnen Einer wohlgeputzten Schönen innen, Welche an Gesicht, Stimme, Wuchs und Haar, Seine ehmals geliebte Amalia war.
Himmel! wie ward er da entzücket, Als er selbige so unvermuthet erblicket! Fast wäre das ganze Parterre davon Gerathen in schreckliche Confusion.
Sie hatte kaum ihre Rolle geendet, Als er sich sofort zu ihr gewendet, Und nun gab's manchen Freudenkuß Zwischen ihr und dem Hieronimus.
Beide waren begierig zu vernehmen, Durch welchen Zufall sie hier zusammen kämen, Hieronimus eilte drum bald mit ihr Höchst vergnügt ins sichre Quartier.
Da hat erst Amalia alles vernommen, Was ihm Wunderbares vorgekommen, Seitdem ihn damals, in der Nacht, Der alte Herr hatte fortgejagt.
Und wie's ihm mit der frommen Dame gegangen, Und was sie gedachte mit ihm anzufangen, Und wie man ihm nachhero einmal Des Nachts sein Geld im Wirthshause stahl.
Und wie er im Wald einen Räuber getödtet Und einem Gnädigen das Leben gerettet, Und er darauf zu Ohnewitz gar Ein Schulmeister geworden war.
Und das Unglück, welches ihn betroffen, Und wie er jetzt, wider alles Verhoffen, Sie in der Komödie gefunden allhier, Dies alles erzählte er weitläuftig ihr.
Nunmehr war auch des Hieronimi Begehren, Von ihr alle Begebenheiten zu hören, Und die Schöne erzählte darauf Ihm folgendermaßen ihren Lebenslauf.