German poem
Die Jobsiade — Neunzehntes Kapitel
by Karl Arnold Kortum (1745–1824)
Wie Hieronimus zu Ohnewitz ankam, und wie er mit dem jungen Herrn als Hofmeister nach der Universität reiset, und so weiter.
Ich habe von der Reise nichts weiter zu sagen, Als daß man ohne Anstoß nach einigen Tagen, Ins Ohnewitzer Territorium kam Und die Reise ein glückliches Ende nahm.
Als sie aber beide dem Dorf waren nahe Und Hieronimus den Kirchthurm zu Ohnewitz sahe, Liefe ihm über die Haut der Schweiß Kalt wie im Wintermonate das Eis.
Denn er erinnerte sich mit erneuerten Schmerzen, Wie sehr ihm das Exil damals gegangen zu Herzen, Und was er alles seit seiner Flucht Sonst noch erfahren hatt' und versucht.
An seinem Beispiel läßt sich greifen mit beiden Händen, Wie wunderlich die menschlichen Fata sich oft wenden; Vormals jug man ihn mit Prügeln fort Und nun erscheint er als Hofmeister dort.
Als sie endlich in den Schloßplatz gefahren, Demnächst aus dem Wagen gestiegen waren, Und Herr von Ohnwitz seine Dame embrassirt, Hat er ihr seinen Gast bald präsentirt.
Sie hat ihn beim ersten Anblick wieder erkennet, Ihn ihren alten Freund und Erretter genennet, Und ließ hierauf den frohen Hieronimus Allerhöchstgnädigst zum Rockkuß.
Aber nun ging's aufs neue an ein Fragen, Was sich wol alles mit ihm habe zugetragen? Wo er gestecket, und warum er Nicht eher nach Ohnwitz gekommen wär'?
Man sagt, Damen wären überhaupt neugierig, Drum war auch diese Dame alles zu wissen begierig, Und wirklich erfuhr auch die gnädige Frau Von ihm alle passirte Dinge genau.
Sie hat ihn herzlich ob seinen Schicksalen bedauert, Besonders über die Flucht von Ohnewitz getrauert, Und daß man mit so grobem Ungestüm So unschuldig damals begegnet ihm.
Aber über einige ihm arrivirte Sachen Wollte sie auch fast sich zu Tode lachen; Besonders machte es ihr große Lust, Daß seine Frau die Zeche bezahlen gemußt.
Uebrigens hat sie von ihrem Gemahl vernommen, Daß Hieronimus nach seinem Tode mehr Verstand bekommen, Und deswegen stimmte sie auch gern bei, Daß er Hofmeister des jungen Herren sei.
Er ward noch baß auf dem Schlosse von Jungen und Alten, Als im 27ten Kapitel des ersten Theils, Vers 9 und 10 gehalten, Und er hatte niemals, weder vorher noch hernach, In seinem Leben so gute Tag'.
Aber mancher Ohnwitzer Flegel von Bauer Sah über seine Ankunft sehr scheel und sauer, Denn sie dachten aufs neue daran, Was ihnen Fiscus seinetwegen gethan.
Der brave Hieronimus aber schlug sich Alle ehemalige Schmach aus dem Sinn und betrug sich Gegen Reiche und Arme, Alt und Jung, Vor wie nach mit Klugheit und Mäßigung.
Der junge Herr Baron ward ihm bald gewogen, Denn er war sehr artig und gut erzogen, Und hatte dabei weit mehr Verstand, Als sonst meistens ein junger Herr vom Land.
Auch hatten, sowol sein nicht ungelehrter Herr Vater, Als auch sein bisheriger geschickter Informator, Mit Ernst auf seine Bildung bedacht Ihm alle seine Kenntnisse beigebracht.
Nun ließ sich Hieronimus von dem jungen Herren In vielen nöthigen Sachen unvermerkt belehren, Also legte er nach und nach, in Sprachen und Humanioribus, einen guten Grund.
Auch so lang sein Aufenthalt zu Ohnwitz gewähret, Hat er fleißig mit allerlei Büchern verkehret, Und manchesmal die ganze liebe Nacht Auf der Schloßbibliothek studirt und gewacht.
Zur Erholung spazierte er dann und wann mit seinem Eleven In Feld, Wald, oder nach den Bauerhöfen, Und da lernte er beiläufig noch manches Stück Aus der Oekonomie und der Physik.
Mit dem jungen Herrn von Ohnwitz zu ziehen Abgeredetermaßen nach Akademien, War endlich die bestimmte Zeit da Und man machte die Präparatoria.
Westen, Nachtmützen, Strümpfe, Halstücher, Hemden, Schlafpelze und mancherlei Bücher, Packte man ein im Ueberfluß, Sowol für den jungen Herrn als Hieronimus.
Kisten und Koffer waren fast schier zu enge, Denn von allem war da die schwere Menge, Doch billig zieh ich allem übrigen vor Die mitgegebenen 500 Louisd'or.
Ein Lakei mußte sie zur Bedienung begleiten. Wir lassen sie nun in Gottes Namen fahren oder reiten, Genug, Baron, Hieronimus und der Lakei Kamen glücklich an auf der Akademei.
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