German poem
Mißratener Fluch
by Peter Rosegger (1843–1918)
Vor zwei Jahren, zu Sankt Marten, Habe ich in Nachbars Garten Einen schweren Fluch gesäet. Rachedürstend wollt' ich warten, Bis er in die Halme geht Und im sonnenfrohen Lenze Den verhaßten Hof umkränze Strüppedicht mit Dornenranken. Sieh, und als am Maienbronnen Alle Lebewesen tranken, Haben Blüten sich gesponnen Um das Haus des Nachbars Jocken, Der mir tat die Braut entlocken. Linde weiße, rote Blüten, An der Stirn des Hauses glühten; Rankten hold sich um die Dächer, Stiegen leis in die Gemächer, Alles zart in Blumen hüllend Und mit süßem Hauch erfüllend— Graunerregend wonnesam!— Als die Zeit der Reife kam, Welch ein seltsam Früchteprangen! An den grünberankten Zweigen, Die sich um die Fenster neigen, Schwere goldne Äpfel hangen ... Doch, was seh' ich auf der Erden Schlangenähnlich sich gebärden! Unheildeutend grause Zeichen! Wüste Dorngestrüppe schleichen Meinem, meinem Hause zu!— Sachte wird es eingewoben Von dem Erdgeschoß bis oben, Wo der Fahne stolzer Prang Glück verkündet jahrelang. Wüst umstrickt das Haus zum Hohne Mit der kahlen Dornenkrone.— Als sich so das Los gewendet, Klopft es leise an der Tür, Kommt der Nachbar Jock und spendet Tröstend eine Rose mir. Eine jener süßen, großen Rosen, die dem Fluch entsprossen. —Ach, wie mir der Rose Gluten Meine arme Seele sengten! Und wie mir die milden, guten Worte weh das Herz bedrängten!— Was dir, Mensch, auch mag begegnen, Nimmer sollst du Rache suchen. Bist ein Stümper doch im Segnen Und ein größerer noch im Fluchen.