Versos German Karl Arnold Kortum Die Jobsiade — Siebenundzwanzigstes Kapitel

German poem

Die Jobsiade — Siebenundzwanzigstes Kapitel

by (1745–1824)

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Worin unter anderm die im ersten Theile gestorbene Amalia ihren fernern Lebenslauf erzählet.

Sie sind darauf näher zusammen gerücket, Haben sich am Thee und Frühstücke erquicket, Und erfreueten beiderseits sich Des Wiedersehens gar inniglich.

Was zwischen beiden vormals war geschehen, Wollen wir nach christlicher Liebe übergehen; Aber jetzt passirte im mindesten nicht, Was nicht hätte können vertragen das Licht.

Zwar Herr Jobs hatte nichts verloren, War von guter Positur wie zuvoren, Ja sein Corpus ware vielmehr Seit dem Pfarrerstande ansehnlicher.

Aber Amaliens Reize waren verblichen, Seitdem ungefähr jene 15 Jahre verstrichen, Und es sproßte schon hier und dar Auf ihrem Kopfe ein graues Haar.

Auch an Körperkräften und Taille War sie nicht die vor'ge schöne Amalie: Vormals war sie rund, roth und dick, Und nun ein leibhaftig Bild der Hektik.

Ihre Augen, vormals glänzend von Liebe, Waren nun eingefallen, dunkel und trübe, Und in ihrer ganzen Physiognomie Herrschte eine stille Melancholie.

Nicht allein gegen Herrn Jobs war sie sehr gütig, Sondern auch im ganzen Wesen sanftmüthig, Und sie ertrug ihr körperliches Leid Ohne Murren und Verdrießlichkeit.

Sie fühlte täglich die Kräfte mehr schwinden, Hatte längst bereut ihre vorigen Sünden, Und brachte nun in völliger Gewissensruh' Ihre noch übrigen Lebenstage zu.

Eigentliche sogenannte Liebessachen Waren also nicht weiter bei ihr zu machen; Auch Herr Jobs fand längst nicht mehr Geschmack An jedem unschicklichen Liebesschnack.

Er mußte jedoch die Versicherung ihr geben, Nicht weiter zu reisen, sondern bei ihr zu leben, Und dieses wünschte sie um desto mehr, Weil er ein geistlicher Doctor wär'.

Auch mußte er, ohne das Geringste zu verhehlen, Ihr seine ganze Lebensgeschichte erzählen, Besonders was er von ihrer Trennung an In den letzten funfzehn Jahren gethan.

Er that dies auch alles sehr ausführlich, Seine Erzählung war aufrichtig und manierlich, Sodaß Amalia sogleich drin fand, Er sei nun ein Mann von großem Verstand.

Die Erzählung selbst können wir gut missen, Sintemal wir seine Geschichte schon wissen, Und man hört ohnedem auf keinen Fall Eine so närr'sche Geschichte gern zweimal.

Sie gabe gleichfalls von ihrer Geschichte Folgende kurze aufrichtige Berichte, Seitdem sie aus dem Schauspielerstand Mit einem reichen Herren verschwand:

»Der Herr, mit welchem sie davongegangen, Habe geheißen Herr van der Tangen; Er habe, als ihre Person ihm gefiel, Ihr Anträge gemachet oft und viel.

Aber sie habe gar nicht darnach gehöret Und anfangs mit ihme gar nicht verkehret, Weil sie entschlossen gewesen sei, Ihrem Hieronimo zu bleiben getreu.

Erst damals habe sie den Vorsatz gebrochen, Als Herr van der Tangen ihr die Ehe versprochen; Es sei auch am folgenden Tage schon Erfolgt eine heimliche Copulation.

Nachdem sie nun gedachten Herrn van der Tangen Einmal im ehlichen Netze habe gefangen, So habe sie mit ihm in der ganzen Zeit Gelebet in treulichster Einigkeit.

Sie habe von ihrem Gatten, dem Herrn van der Tangen, Nach zwei Jahren einen kleinen Sohn empfangen, Habe aber auch damals gefährlich krank Gelegen fast sieben Wochen lang.

(Notabene: Daher entstand das Gerüchte Von ihrem Tode im ersten Theil der Geschichte; Denn Frau Fama machet zu jeder Frist Immer ein Ding größer, als es ist.)

Was im übrigen thate anlangen Die Umstände ihres Gatten, des Herrn van der Tangen, So sei er gewesen der einzige Zweig Des alten Herrn van der Tangen und erschrecklich reich.

Er sei zwar gewesen nur vom bürgerlichen Stande, Aber fast der reichste Privatmann im Niederlande, Weil sein seliger Vater in Kauffahrtei Außerordentlich glücklich gewesen sei.

Mancherlei Gründe hätten ihn bewogen, Daß er aus seinem Vaterlande weggezogen, Und er hätte auch bald darauf Das Gut Schönhain hier erstanden durch Kauf.

Ihre Bekanntschaft mit dem Herrn van der Tangen Habe bewußtermaßen damals angefangen, Als er sich eine Zeit lang in Deutschland Zum Vergnügen auf der Reise befand.

Ihre Ehe habe zwölf Jahre lang gewähret, Darauf hätte Freund Hein dieselbe gestöret, Und Herrn van der Tangen zu ihr'm größten Leid Geholet aus dieser Zeitlichkeit.

Auch ihr Sohn sei nach fünf Vierteljahren Seinem Vater ins Elysium nachgefahren, Und seitdem lebe sie höchstbetrübt Kinderlos und ungleich verwittibt.

Zwar besitze sie jetzt sehr große Güter, Aber doch sei ihr des Lebens Rest bitter, Und sie mache zur großen Reise nach jenseit Sich nun täglich immer mehr bereit;

Denn sie empfinde es, daß sie laborire An einem innerlichen Lungengeschwüre, Spüre auch, daß jede gebrauchte Arznei Zu ihrer Heilung unwirksam sei.

Sie suche schon längst mit tugendhaften Werken Sich zu einem seligen Abschiede zu stärken, Und gebe als eine bekehrte Sünderin Ihrem Schicksale sich willig hin.«

Herr Jobs suchte nun bestmöglichstermaßen Alles dasjenige beisammen zu fassen, Was ein vernünftiger geistlicher Mann In solchem Fall zur Tröstung nur sagen kann.

Blieb folglich auf ausdrückliches Verlangen Nun auf dem Gute bei der Frau van der Tangen, Und seine traurige Exulantenschaft Hatte für diesmal ihre Endschaft.

Es fand auch wirklich die Frau van der Tangen In des braven Herrn Jobsens Umgang manchen Christerbaulichen Beruhigungsgrund, Den sie vorher nicht so gut verstund.