German poem
Was Ubels an Jerusalem
by Laurentius von Schnüffis (1633–1702)
Was Ubels an Jerusalem Antiochus vollbracht/ Indem er es zu einer Schwemm Der Thränen hat gemacht: Den Tempel rein geplündert auß/ Die Stadt biß auff das letste Hauß Verwüstet/ und verstört/ Nur nicht gar umbgekehrt.
Das hab' an meiner Seelen ich Auch allerdings verübt/ Indem ich sie stieffmütterlich Biß in den Tod betrübt: Ich hab' Sie/ als das Oberhaupt/ Der Herrschung meines Leibs beraubt/ Und immer nur veracht/ Zur Sclavin mir gemacht.
In meiner zarten Jugend noch Hab ich sie unterdruckt Unbändig ihrem Tugend-Joch Mich meisterlich entzuckt: Den Schatz der Unschuld hab' ich ihr Entfremmt/ eh' sie vernünfftig schier/ Ja mörderisch verletzt' In armen Stand gesetzt.
Man sagt was einer bösen Art Die Manticora sey/ Ein Thier von Zähnen scharff/ und hart/ Sehr grausam auch darbey/ Groß wie ein Löw/ Haarlocken-reich/ Von Angesicht den Menschen gleich/ So seinen wilden Wuht Erkühlt mit Menschen-Blut.
Die Manticor' so wild/ wie ich/ Niemahlen sich verhält/ Dann sie aus Hunger nur dem Vieh- Und Menschen-Fleisch nachstellt: Ich aber habe (läider ach!) Den Seelen auch gesetzet nach/ Sie mörderisch versehrt/ Zerrissen/ und verzehrt.
Was für ein grosse Missethat Hat Cain nicht vollbracht/ Als er dort seinen Bruder hat Zu einer Leich gemacht: Wann Menschen-Blut gen Himmel schreyt/ Wie wird nicht seyn vermaledeyt/ Der eine Seel bezwingt? Und umb das Leben bringt?
Ein Basilisc mit schauen an So gar zu töden pflegt/ Der Seelen doch nicht schaden kan/ Wann er den Leib erlegt/ Ich aber voller argen Tück Durch geil-vergiffte Liebes-Blick Den Seelen/ wie ein Pest/ Gegeben hab' den Rest.
Unmenschlich Diomedes war'/ Und tausend Höllen werth/ Weil er mit Menschen-Fleisch so gar Gespeiset seine Pferdt: Ich aber böse Jezabel Hab' manche fromm und edle Seel Dem Höllen-Beel-phegor Zur Speiß geworffen vor.
Dem Jasons-Weib 5 war' auff der Welt Zu grausam keine That/ Als die zerrissen/ wie man meldt/ Ihr' eigne Kinder hat: Den Bruder in viel Stuck verzehrt/ Den Mann verfolget unerhört: Sein Hauß mit Feur berennt/ Sammt neuen Weib verbrennt.
Daß aber ein so grosse Rach Medea hat verübt/ Gab Jason dessen ihr Ursach/ Weil er sie höchst betrübt/ Indem er sie von seinem Hauß/ Ehbeth/ und Lieb gestossen auß/ Ein anders Weib getraut/ Die nicht mehr angeschaut.
Ich aber mit den Seelen bin Grausam gegangen umb/ Hab' Türckisch sie gerichtet hin/ Und wußte nicht warumb? Die Lieb allein die Ursach war'/ Daß ich an der bethörten Schar/ Vorauß die mich geliebt/ Dergleichen Mord verübt.
Procrustes ein verruchter Mann Begierig auff die Beut/ Geschlachtet hat/ wie ein Tyrann/ Die Weeg-verirrte Leut/ Hat doch/ ob er fürsichtig schon/ Empfangen endlich seinen Lohn: Theseûs hat ihn erhägt/ Und mit dem Schwerdt erlegt.
Ich aber hab die Seelen-Mord Begangen so verdiebt/ Daß man mich dannoch immerfort An Hassens-statt geliebt: Wie Moloch dort das Götzen-Bild/ So mit den Kindern haußte wild/ Die man ihm schlachten müßt/ Doch göttlich wurd gegrüßt.
Busiris, der den Göttern auch Geschlachtet seine Gäst'/ Ist nicht/ wie ich/ so wild/ und rauch Gewesen/ glaub' ich vest/ Dann er vermeinte/ dieses wär' Gefällig dem Gott Jupiter, Ich auch der Seelen nach Thät es zu Gottes Schmach.
Ein so Blut-durstigs Löwen-Hertz Gehabt hat Phalaris, Daß einen Ochsen er von Aertz Zur Marter giessen ließ/ In welchen er gesperret eyn (Der Meister 11 müßt der erste seyn) Die Menschen/ und im Feur Verbrennet ungeheur.
Ich hab' gar die Plutonische Schwitz-Oefen eingeheitzt/ Indem ich das Adonische Volck zu der Lieb gereitzt: Wer sich aus ihnen nicht bekehrt/ Unfehlbar wird darein gesperrt/ Und immer immer fort/ Gemartert werden dort.
Was könnte doch so grausam seyn/ Als der Medusa Haupt/ So stracks verkehrt in einen Stein Den/ der es angeschaut: Ich auch von keiner bessern Art Die Leut mit meiner Gegenwart Zur Christlichen Andacht Hab' Diemant-hart gemacht.
Wie groß/ ô höchst-erzörnter Gott/ Ist meine Boßheit nicht/ Indem ich fast ein gantze Rott Der Seelen hingericht! O wär' ich Æsculapius, So wolt' ich (durch das Kraut der Buß) Erwecken aus dem Grab/ Die ich entseelet hab'!
Orpheûs mit seiner Lauten hat Sein Weib der Höll entführt/ Als er auff wohlbeglücktem Raht Die Seyten süß gerührt: O wär ich jetzt an Orpheûs Stell/ So wolt' ich aus der Sünden-Höll Erlösen wiederumb/ Die ich gemacht unfrumb.
Doch seynd noch übrig alle beyd'/ Des Æsculapen Kraut/ Und/ für das lange Höllen-Leyd/ Des Orpheûs süsse Laut: Das Kraut der Buß das Leben bringt: Des Creutzes-Spiel die Höll bezwingt: Gebraucht euch dieser Kunst/ So brennt die Höll umsunst.