German poem
Die Weisheit im Schoose der Natur
by Amand Berghofer (1745–1825)
Wer küßt und drückt und lästert, hat Verstand; Wer redlich spricht, gehöret auf das Land.
Kleist.
Du Wohnsitz stiller Musen, Empfang mich, heitre Flur, Auf deinem grünen Busen! Sanft lächelnde Natur, Aus deinem reichen Schoose Trink ich des Frühlings Lust, So wie den Thau die Rose, Nun in die freye Brust.
Ein Blick der Weisheit stralet Aus jedem Reiz hervor, Und bessre Freude wallet In meiner Brust empor. Ich brauch, mich zu beglücken, Nur Mensch, nicht reich zu seyn; Ein edleres Entzücken Nimmt meine Seele ein,
Rührt, ohne zu verletzen, Mein jugendlich Gemüth Mit zärtlichen Ergötzen. Ein reineres Geblüt Wallt schon durch meine Glieder; Der Geist wird heiterer, Er öffnet sich hier wieder, Denkt frey, und fühlet mehr.
Hier drohn nicht rasche Pferde Dem müden Wanderer; Kein Wagen, von der Heerde Vergoldter Diener schwer, Worin der Unterthanen, Der Bürger theure Last, Müd vom Verdienst der Ahnen, Mit dummen Lächeln rastt.
Durchlauchtgen Rossen schnauben Nicht feile Menschen vor. In Schatten sicherer Lauben Irrt froher Hirten Chor Mit sanften Schäferinnen. Lieb und Zufriedenheit Geht segnend neben ihnen, Nicht Rangsucht, Stolz und Neid.
Der Menschheit Recht verdrehet Kein hochgebohrnes Thier, Das sich in Sänften blähet; Nur Menschen sieht man hier. Die Tugend giebt den Titel, Die Eintracht den Gewinnst; Nicht Zufall, Rang und Mittel Verdrängen das Verdienst.
Zum Laster ungeschicket, Das sich aus Hochmuth neigt, Krumm, heuchlerisch gebücket, In heiligen Tempeln schleicht, Und das im Harmeline Bey Hof mit frechen Schritt Und tückisch hoher Miene Bis zu dem Fürsten tritt,
Durch Einfalt glücklich, irret Im Thal die Schäferinn; In Unschuld, sittsam führet Sie ihre Lämmer hin, Wo ruhig ihre Jugend Der Schöpfung Freuden fühlt; Wo unbemerkte Tugend Dem Schöpfer sich enthült. Frey wandelt in Gesträuchen Ihr Fuß längst einem Bach; Nicht freche Buben schleichen Dort ihrer Unschuld nach. Die Kunst des süssen Herren, Der geil aus Wohlstand spricht, Geld, Ordensband entehren Verwaiste Mädchen nicht.
Hier schwärmt durch grüne Schatten Kein Midas, groß durch Gold, Berühmt durch fremde Thaten, Der seinem Bauch nur hold, Standtsmäßig auszuschweifen, Und durch des Bürgers Schweiß Sich Tafeln aufzuhäufen, Sich fett zu prassen weiß.
Taub, Mitleid zu empfinden, Zu fühllos, selbst sein Glück In anderer Glück zu finden, Sieht er sich nicht zurück, Der Große, wann Bedrängte Mit Thränen nach ihm sehn; Wann ohne Schuld gekränkte Um seinen Beystand flehn.
Dich, sanfte Stimm vom Himmel, Natur! Dich überschreyt Das irdische Getümel Der prächtgen Eitelkeit! Weg ihr verhaßten Thürme, Wo, in den Schlamm getaucht, Dieß irdische Gewürme Nur giftge Laster haucht!
In lärmenden Pallästen, Da herrscht die Weisheit nicht; Nur feige Schmeichler mästen Sich, wo der Bösewicht Und Thor den Lüsten frohnet, Wo Fleiß und Tugend trauert, Wo Tod im Lächeln wohnet, Und das Verderben lauert,
Wo alle Mienen trügen, Sich Mädchen klug durch Geld, Und schön durch Schminke lügen, Dem Wuchrer preis gestellt! Wo tausend wilde Triebe, Der Leidenschaft Gewühl Die zärtlich keusche Liebe, Das reinere Gefühl
Der Menschlichkeit ersticken; Wo Untreu, Buhlerey Aus finstern Mauern blicken; Wo faule Schwelgerey, In Schlössern stolz bewachet, Wo hämisch Schadenfreud Aus halben Vorhang lachet, Im Sitz der Ueppigkeit.
Fern von der Gratulanten, Betrüger, Schmeichler Heer, Von Stutzern und Pedanten, Kann ich hier ruhiger Natur, Nach deinem leisen, Verborgnen Triebwerk spähn; Dich und die stillen Weisen Des Alterthums verstehn!
Nicht in betrogne Spiele Des Witzes eingewebt; — In feyerlicher Stille, Von Grazien umschwebt, In edler Einfalt glänzet Sie, auf beblümten Pfad, Die Weisheit, unumgränzet, Verscheucht von Hof und Stadt.