German poem
Die Gaben des Weisen
by Amand Berghofer (1745–1825)
Daß sich das Wasser in dem Magen Mit den Speisen kann vertragen, Das kann wohl seyn: Jedoch der Rebensaft Giebt auch der Seele Kraft. Das Wasser rinnt so todt hinein. Der Necktar öffnet unsere Herzen Bey seinem Witz und keuschen Scherzen: Ein Weiser trinkt gleich Göttern Wein.
Daß Schreiberey und Rechnen nütze, Der Gradus vor dem Hunger schütze, Das kann wohl seyn: Jedoch des Dichters Glut Begeistert unser Blut; Flößt edlere Empfindung ein; Kann unser Herz erhaben rühren; Den trägen Geist zum Aether führen: Ein Weiser muß ein Dichter seyn.
Daß es sich gut in Klöstern lebe, Kastraten, alte Jungfern gebe, Das kann wohl seyn: Jedoch der Menschheit Trieb Erzeugt in uns die Lieb Ihn schuf die Vorsicht allgemein, Nicht, daß wir wieder ihn vernichten, Nein, nur zum rechten Endzweck richten. Ein Weiser muß auch menschlich seyn.